Seite wählen

Jahrestagungen / Workshops

Jahrestagungen / Workshops

27. Jahrestagung der AGOA vom 28. bis 30. April 2025 an der Katholischen Akademie Freiburg im Breisgau

 

70 Ordensarchivarinnen und Ordensarchivare sowie Referierende trafen sich in der Katholischen Akademie in Freiburg im Breisgau zur 27. Jahrestagung der AGOA.

Am Montag, dem 28. April, begann um 14 Uhr der offizielle Teil der Tagung mit einem Kaffee. Um 14.30 Uhr begrüßte die Vorsitzende der AGOA, Sr. Christiane Roth OSB, die Anwesenden.

Um 14.45 Uhr stellte Dr. Birgitta Klemenz das von ihr betreute Archiv der durch König Ludwig I. gegründeten Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs (Grundsteinlegung 1835, Einweihung 1850) vor und berichtete über den Abschluss der langjährigen Erschließungsarbeiten. Kon-kret führte sie aus, welchen durchaus nicht geradlinigen Weg sie in 27 Dienstjahren zurückzulegen hatte, wobei die Vorbereitung einer Ausstellung zur 150-Jahrfeier der Abtei im Jahr 2000 den Einstieg auch in das archivische Arbeiten bedeutete. Diese Situation, bei der die Referentin quasi in das „kalte Wasser“ zu springen hatte, erwies sich umso mehr als Herausforderung, als das bis in die Gründungsjahre zurückreichende Archiv einer fachlich adäquaten Aufarbeitung bedurfte. Es ist als ein Glücksfall zu bezeichnen, dass dieses Archiv die weitgehende Zerstörung von Kloster und Kirche im Jahr 1943 überlebt hat. Parallel zu dem Archiv der Abtei St. Bonifaz in München, dessen Archiv im Zuge der zwischen 2016 und 2022 durchgeführten grundlegenden Sanierung der Abtei in das zur Abtei gehörenden Kloster Andechs verlegt wurde, besteht dort ein zweites Archiv mit der bis auf das Jahr 1454 zurückgehenden Andechser Überlieferung.

Die Ordnung und systematische Erschließung der Archivbestände in München erwies sich als große fachliche Herausforderung, lag hier doch nur eine grobe Sortierung nach „Aktendeckelbeschriftung“ vor. In Andechs war der Start leichter, da es hier ein – allerdings der Überprüfung und Ergänzung bedürfendes – Repertorium gab. Die in den beiden Archiven vorhandenen Archivalien (aktuell Andechs 2027 Objekte, St. Bonifaz 3836 Objekte) wurden mittels der archivischen Fachdatenbank Faust erschlossen und auch die notwendigen konservatorischen Maßnahmen durchgeführt. Es gelang hier, eine aktenplanbasierte Systematik einzuführen, welche auch die Grundlage für die Arbeit in der (analogen wie digitalen) Registratur des Sekretariates von Abt und Kloster geworden ist. Hinzu kommen z. T. sehr umfangreiche Nachlässe von Äbten und Mönchen.

Etwa zehn Prozent der Arbeitszeit nimmt die Bearbeitung externer Nutzungsanfragen ein, hinzu kam in der Vergangenheit vor allem die Nutzbarmachung der sich in der Jubiläumsausstellung des Jahres 2000 spiegelnden Themen. Seit dieser Zeit haben sich die Akzente durchaus verschoben: So soll für die Zukunft gelten, den Fokus stärker auf Andechs zu richten sowie jene Themen stärker in den Vordergrund zu stellen, die erst im Zuge jüngerer Erschließungen auftauchten (z. B. Feldpostbriefe, literarische Zeugnisse aus Nachlässen, Lebenserinnerungen u. ä.) und auch das innere Leben des Klosters stärker beleuchten. Die archivische Erschließung konnte darüber hinaus im Kontext der Generalsanierung 2016 bis 2022 eine ganze Reihe wichtiger Informationen über die originalen baulichen Zustände bereitstellen. Seit einiger Zeit angestoßen sind zudem öffentlichkeitsrelevante Prozesse mit Rückbezug auf die Erkenntnisse aus der archivischen Überlieferung (Hinweistafeln zur Geschichte, neuer Kirchenführer, Kalender, Vortragsreihe, Publikationen).

Der zweite Vortrag des Nachmittags von Norman Kremer (Archiv des Bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR über „Fotografien in der archivischen Praxis“ nahm sich einer grundlegenden fachlichen Herausforderung an. Fotografien gehören zu den klassischen Bestandteilen auch von Ordensarchiven, aber der Umgang mit ihnen ist in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung. Dies beginnt damit, dass fotografische Motive sich in einer Vielzahl von Medientypen widerspiegeln können (Glasplattennegative, Negative, schwarz-weiß Positive, Farbpositive, Dias, digitale Formate usw.). Allen Formaten gemeinsam ist die unbedingte konservatorische Notwendigkeit, sie adäquat zu lagern (Verwendung geeigneter Hüllen und ggf. Einlegeblätter, geeignete Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeitswerte), aber auch sicher zu stellen, dass die beschreibenden „Metadaten“ analog und ggf. auch digital gesichert werden und Dateiformate ggf. digital konvertiert werden müssen.

Die detaillierte Beschreibung der unterschiedlichen Medientypen durch den Referenten machte unmittelbar bewusst, dass jedes dieser Formate bewusste Maßnahmen der Erhaltungssicherung notwendig macht, Fotos also in keinem Fall undifferenziert nach einem einheitlichen Standard behandelt werden können. Die Herausforderung wird auch dadurch nicht geringer, dass abgesehen von der grundsätzlichen Notwendigkeit, Handschuhe zu tragen, den Schutz vor schädlichem Licht sicherzustellen und geeignetes Aufbewahrungsmaterial zu verwenden, die ideale Aufbewahrungstemperatur sich je nach Medientyp in der Spanne von 0 bis 12 Grad Celsius bewegt und damit deutlich niedriger liegt als etwa jene für Archivgut in Form von schriftlicher Überlieferung (16 bis 18 Grad). In vielen Fällen stellt die fotografische Überlieferung – insbesondere die digital entstandenen Motive – das zuständige Archiv vor die Frage, wie man der Vielzahl ähnlicher Ablichtungen Herr werden kann, was wiederum zurückweist auf die zentrale Frage, wie man eigentlich sein Überlieferungsprofil definieren will, also was man vorhalten möchte bzw. worauf man verzichten kann.

Von großer Bedeutung für die Nutzung fotografischer Formate ist auch die Rechtefrage. Urheberrecht, Nutzungs- und Persönlichkeitsrecht sind hier zentrale Fragestellungen, und die Tatsache, dass z. B. eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers rechtlich vorgeschrieben ist, zieht die auch aus archivischer Sicht äußerst unangenehme Konsequenz nach sich, dass viele Fotos noch jahrzehntelang für eine Veröffentlichung gesperrt sein könnten. Als zusätzliches Problem ist zu erwähnen, dass Rechte vererbt werden können und dass bei den meisten Fotos auch in den Ordensarchiven der Urheber gar nicht festgestellt werden kann. Ggf. müssen sich die Archive entscheiden, welches Risiko sie hinsichtlich einer Veröffentlichung einzugehen bereit wären.

Nach Vesper mit Hl. Messe in der Mutterhauskirche der Vinzentinerinnen und dem Abendessen fand der erste Tag um 20 Uhr seinen Abschluss durch einen Vortrag des Freiburger Diözesanarchivars Dr. Christoph Schmider über den Umgang mit Archiv- und Bibliotheksgut der Orden im Erzbistum Freiburg. Grundsätzlich unterstützt das Bistumsarchiv die in seinem Zuständigkeitsbereich bestehenden Gemeinschaften in archivfachlichen Fragen, doch wurden noch keine Regeln oder standardisierte Verfahren und Abläufe eingeführt. Vielmehr agiert das Bistumsarchiv flexibel auf die jeweils konkreten Herausforderungen. Das bedeutet eine Unterstützung für jene Gemeinschaften, die sich um ihr Schriftgut selbst kümmern (wollen) oder auch eine Bewertung, Übernahme und Sicherung des Schriftguts im Archiv des Erzbistums Freiburg. Bibliotheksgut ist dabei nur betroffen, wenn es ein Teil der „archivischen“ Überlieferung ist. An fünf Beispielen (Kloster zum Hl. Grab in Baden-Baden, Erzabtei St. Martin in Beuron, ehem. Benediktinerabtei in Bad Wimpfen, die Ursulinenklöster in Villingen und Mannheim) stellte der Referent die konkrete Beteiligung des Diözesanarchivs Freiburg vor, welche von der Beratung zur Einrichtung eines eigenen Archivs bis zur Übernahme des Archivguts im Fall einer Auflassung des Klosters reichen konnte und kann.

Der zweite Tag begann nach den Laudes, in denen ein Text von Martin Schleske beeindruckte, und dem anschließenden Frühstück um 9.30 Uhr mit dem Vortrag von Dr. Reiner Weck (Stiftung Kirchliches Rechenzentrum Südwestdeutschland) über „Digitale Langzeitarchivierung. Notwendigkeit und Möglichkeit in kleineren Ordensarchiven – Dips Kirche und andere Angebote des KRZ“. Der sich beschleunigende Weg der Archive in die digitale Welt verweist auch zunehmend auf die Notwendigkeit, sich mit digitalen Formaten und Daten im Kontext der digitalen Bestanderhaltung auseinandersetzen zu müssen. Bei dieser fachlichen Herausforderung kristallisiert sich schnell heraus, dass gerade auch die kleineren Archive um eine professionelle Unterstützung nicht herumkommen werden. Der Referent stellte am Beispiel des Kirchlichen Rechenzentrums Südwestdeutschland (KRZ) die Standards heraus, die beim Hosting digitaler Daten zu Grunde zu legen sind und betonte die Rechtssicherheit (Beachtung u. a. des Kirchlichen Datenschutzgesetzes und der Datenschutzgrundverordnung) wie auch die Sicherheit dieser Daten aufgrund einer Mehrfachspiegelung. Als Austauschmöglichkeit verwies er auf ein bestehende Userforum Kirchenarchiv und zeigte auf, dass eine ganze Reihe nicht nur kirchlicher Archive, sondern auch kirchlicher Träger Kunden des KRZ seien.

Die Softwarelösung KRZ.dipsKirche orientiert sich an dem gängigen OAIS-Standard für elektronische Archivierung, verwaltet langzeitstabile Formate, erfüllt gesetzliche Aufbewahrungsnormen und kann an unterschiedliche Verzeichnungssysteme angebunden werden. Auch gibt es eine Kooperation mit dem Landesarchiv Baden-Württemberg. Für alle Kunden von KRZ.dipsKirche und deren Anwender gibt es eine eigene Support-Stelle, wie auch Schulungen, Seminare und Workshops angeboten werden. Die Möglichkeit, für kleinere, sich evtl. als ein Mandant zusammenschließende Archive, eine Lösung anzubieten, will das KRZ in den Blick nehmen. Dies hätte den großen Vorteil, dass diese Archive evtl. auch nur den von ihnen innerhalb des Mandats konkret wahrgenommenen Kostenanteil, nicht aber jeweils die Gesamtkosten zu tragen hätten.

Der anschließende Vortrag von Dr. Magdalena Hürten (Universität Regensburg) „Dem Schweigen zuhören. Archivische Aspekte der Fallstudie zu Missbrauch in der Gründungsgeschichte der St. Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen“ stellte einen lange tabuisierten Aspekt aus der Gründungsgeschichte dieser Kongregation in den Mittelpunkt, dessen Aufarbeitung unmittelbar durch die Ordensleitung angestoßen wurde. Konkret ging es um die Person des aus Italien stammenden Pater Pietro Natili, der eine religiöse Schwesterngemeinschaft gründen wollte, dabei aber auf außergewöhnliche Schwierigkeiten traf. P. Natili hatte Italien verlassen und 1874 bis 1883 eine Kaplanstelle in München inne. Anfang 1880 gründete er einen Verein vom hl. Josef für die ambulante Krankenpflege, aus dem sich eine förmliche Schwestern-Kongregation, die St. Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen, entstehen sollte.

Die Persönlichkeit von P. Natili stand immer wieder im Zwielicht. So handelte er in den 1880er Jahren mit homöopathischen Medikamenten, wurde 1888 wegen unerlaubter Abgabe von Medikamenten verurteilt. 1892 wurde eine Klage wegen Unterhaltszahlungen für ein eigenes Kind abgewiesen, andere Vorwürfe wegen Kurpfuscherei, unlauterer Geschäfte und seines Verhaltens gegenüber Schwestern seines Vereins standen gleichfalls im Raum. Eine Frau, die regelmäßig bei ihm beichten ging, soll er zu sexuellen Handlungen veranlasst haben, woraus eine angebliche Abtreibung und eine Tochter entstanden. Eine andere Frau, die 1892 bis 1894 Josefsschwester war, berichtete von verschiedenen unsittlichen Situationen und Handlungen. Eine andere Frau gebar ihm ein Kind, vielleicht sogar ein zweites. Insgesamt gibt es recht dichte Belege für einen Missbrauch durch P. Natili. Die Prozesse führten letztendlich zu seiner Ausweisung aus Bayern.

Die von P. Natili ins Leben gerufene Schwesterngemeinschaft fand in ihrem Bestreben, als Kongregation anerkannt zu werden, schließlich eine Wirkungsstätte in Vierzehnheiligen im Bistum Bamberg und wurde 1921 als Diözesankongregation bestätigt. Immer wieder gab es in der Kongregation Versuche, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen; solche Bemühungen mündeten in den 1990er Jahren in intensive Archivrecherchen und das Auffinden bis dahin unbekannter Quellen. Nachdem solche relevanten Unterlagen 2014/15 im eigenen Ordensarchiv „wiederentdeckt“ wurden, beauftragte die Ordensleitung die Erstellung einer Studie zur Aufarbeitung der Thematik. Dadurch wurden Ressourcen für die Auseinandersetzung der Kongregation mit der eigenen Vergangenheit bereitgestellt; sie dokumentierte aber auch gewachsenes gesellschaftliches Bewusstsein für Missbrauch auch an Ordensfrauen, für deren Aufarbeitung sowie strukturelle Aspekte.

An ausgewählten Dokumenten legte die Referentin die Notwendigkeit einer sensiblen Interpretation der vorhandenen zeitgenössischen Quellen dar, machte aber ebenso deutlich, dass diese trotz mancher Lücken und „Uneindeutigkeiten“ den Missbrauch eines Geistlichen gegenüber ihm vertrauenden Frauen aus religiösem Umfeld belegen. Es bleiben aber noch genügend Fragen offen, die evtl. aus noch nicht aufgefundenen archivischen Quellen beantwortet werden könnten. Die aus dem geschilderten Fall gewonnenen Erkenntnisse können zudem Impulse geben für eine auch gegenwartsbezogene Auseinandersetzung von Ordensfrauen hinsichtlich der Vergangenheit der eigenen Gemeinschaft, aber auch zu Enttabuisierung und Entidealisierung sowie zur Reflektion systemischer Bedingungen, die Missbrauch und dessen Vertuschung ermöglichen, beitragen.

Nach dem Mittagessen schloss sich um 14 Uhr der Konferenzteil der AGOA an, über den ein eigenes Protokoll erstellt wird. Im Anschluss fuhren die Teilnehmenden mit dem Bus nach St. Peter, eine 1806 säkularisierte Barockabtei im nahen Schwarzwald, die von 1842 bis 2006 Standort des Priesterseminars der Erzdiözese Freiburg war und heute ein geistliches Zentrum ist. Ab 16 Uhr fand in eine Führung durch diese beeindruckende Anlage statt, in der neben der ehemaligen Klosterkirche auch einige der Innenräume besichtigt werden konnten. Den Abschluss in St. Peter machte eine Hl. Messe mit Weihbischof Christian Würtz, und nach Rückkehr in die Katholische Akademie klang der Tag mit einem Abendessen aus.

Der dritte Konferenztag begann um 8.45 Uhr mit einer Hl. Messe im Freiburger Münster, welcher sich ab 10 Uhr ein Besuch der Teilnehmenden in Archiv und Registratur des Erzbistums Freiburg anschlossen. In mehreren Gruppen konnten sich die Archivarinnen und Archivare einen konkreten Eindruck von der praktischen Arbeit verschaffen. Nach dem Mittagessen in der Katholischen Akademie endete die Tagung.

 

Dr. Wolfgang Schaffer, Schriftführer

 

Das Tagungsprogramm finden Sie hier: Programm 2025.

——————————-

AGOA-Workshop am 26./27. Oktober 2023 in Hünfeld

Bereits zum sechsten Mal fand am 26. und 27. Oktober 2023 der AGOA-Workshop statt. Nachdem dieser bisher immer im Haus Klara der Oberzeller Franziskanerinnen bei Würzburg stattgefunden hatte, haben wir in diesem Jahr das St. Bonifatiuskloster der Oblatenmissionare in Hünfeld als Tagungshaus gewählt. Grundsätzlich sollen diese Workshops in einer kleineren Gesprächsrunde Gelegenheit zum Austausch über aktuelle, vor allem auch praktische Fragen unserer täglichen Archivarbeit geben. 15 Ordensarchivarinnen und -archivare nahmen daran teil.

Wie bereits im Vorjahr (Rechtsfragen beim Umgang mit Fotos im Archiv) war eine Arbeitseinheit einem besonderen archivischen Thema gewidmet. Herr Michael Steppes von der Startext GmbH Bonn sprach über „Die Archivierung von Websites. Notwendigkeit und technische Lösung“. Die Präsentation seines Vortrags kann hier nachgelesen werden.

 

Kremer, Fotografien in der archivischen Praxis_AGOA – Handout